Dessous in der Literatur

Ich lese zwar nicht gerade wenig, doch Textpassagen, die mit Dessous zu tun haben, sind mir bisher noch kein untergekommen. Um so überraschter war ich, als ich nachfolgendes Zitat in Jonathan Litell’s „Die Wohlgesinnten“ fand:

„…glitten ihre Hände behutsam unter die meinen, entfalteten und liebkosten diese kostbare, mit sehr feiner schwarzer Spitze besetzte Unterwäsche … wie sie auf der glatten fleischigen Fläche ihrer weißen Hut, die zwischen den Sehnen etwas einsank, einen Seidenstrumpf entrollte, der auf halbem Schenkel mit einem breiten Spitzenstreifen verziert war, oder wie sich ihre Hände auf dem Rücken zu schaffen machten, um den Verschluss ihres Büstenhalters zuzuhaken, in dem sie mit einer raschen Bewegung ihre Brüste zurechtrückte, erst die eine, dann die andere. Sie hätte diese Bewegungen vor meinen Augen, ohne falsche Scham, ausgeführt, diese alltäglichen Bewegungen, ohne Befangenheit, ohne Exhibitionismus, ganz so, wie sie sie ausführen musste, wenn sie allein war, nicht mechanisch, sondern aufmerksam, mit großem Vergnügen, und wenn sie schwarze Spitzenunterwäsche trug, so tat sie es nicht für ihren Mann oder den Geliebten des Abends, auch nicht für mich, sondern für sich selbst, zum eigenen Vergnügen, dem Vergnügen diese Spitze und diese Seide auf ihrer Haut zu spüren, ihre Schönheit, auf diese Weise geschmückt, in ihrem großen Spiegel zu betrachten, sich genauso anzublicken, wie ich mich anblickte oder wie ich mich gerne angeblickt hätte: nicht mit einem narzisstischen Blick, auch nicht mir einem kritischen Blick, der nach Fehlern sucht, sondern mit einem Blick, der verzweifelt die ungreifbare Wirklichkeit dessen, was er sieht zu erfassen sucht – dem Blick eines Malers gewissermaßen…“

Das Buch handelt von Max Aue, einem studierten Juristen, der als SS-Offizier an der Vernichtung der Juden in Russland beteiligt ist. Neben den beschriebenen Grausamkeiten der Ermordung Zehntausender spielt auch die obsessive Sexualität des Protagonisten eine wesentlich Rolle. In oben zitierter Szene träumt Aue in einem Tagtraum von seiner Zwillingsschwester, mit der ihn in der Jugend eine inzestöse Liebesbeziehung verband. Kein leichter Stoff also, diese fiktive aber sehr realistische Story, trotzdem ein lesenswertes Buch. Wer sich einen Eindruck davon machen will, der lausche Christian Berkel, der das Buch bei Faz.net liest…

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~ von dessousblog - 7. Juni 2010.

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